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Die Sonneninitiation in die Mysterien des Lichts, der Liebe und des Lebens

von Selim Oezkan


Bei der Sonne und ihrer Morgenhelle und dem Mond, wenn er ihr folgt, und dem Tag, wenn er sie erscheinen lässt, und der Nacht, wenn sie sie überdeckt, und dem Himmel und dem, der ihn aufgebaut hat, und der Erde und dem, der sie ausgebreitet hat, und einer jeden Seele und dem, der sie zurechtgeformt hat

– Aus dem Koran (Sure 19:1-7)


Sonne, Mond und Erde können im Menschen durch die Dreiheit von Geist, Seele und Körper wahrgenommen werden. Im Makrokosmos werden Mond und Erde von der Gravitation und dem Magnetismus der Sonne durchdrungen – so wie unser Fühlen und Denken, Seele und Körper durchströmen. Und so wie jenseits der astralen Welt der kosmische Drachen seine Haut, streift der Neumond seinen Schatten ab, um als Vollmond »wiedergeboren« zu werden, was eine Allegorie auf die Wanderung unserer Seele durch ihre unzähligen Inkarnationen ist. Um dieses Mysterium drehten sich die Einweihungsriten im antiken Eleusis. Auf geheimnisvolle Weise, ließ man die Initianden den Zustand des Todes erfahren. Sie erlebten ein seelisches Verlassen des Körpers, um während der Rückkehr in diesen, dem Licht ihres Selbst gewahr zu werden, und so ihre eigentliche Lebensaufgabe sahen.
Zu Anfang des Rituals gab man ihnen einen geheimnisvollen Beutel, der drei eigenartige Gegenstände enthielt: Einen Pinienzapfen, ein Ei und eine eherne Schlange – das, so der Hohepriester, seien die Werkzeuge die der Uneingeweihte ahnungslos mit sich herumtrüge. Sodann zeigte man ihnen in einem gleichnishaften Akt eine Kornähre, die symbolisch für den göttlichen Funken in ihnen stand, durch den aus der Erde ein lebender Körper erweckt, dann schließlich wieder starb, zu Erde wurde, und die Seele an ihren Ursprung zurückkehre, um erneut vom »göttlichen Sämann« ausgestreut zu werde. Um diesen Vorgang zu erfahren, legte sich der Initiand in der Nacht in ein Erdloch, woraus ihn Mutter Erde symbolisch wiedergebar. Während seiner feierlichen »Auferstehung«, sah er mit geschlossenen Augen die hell glühende Mitternachtssonne, wie sie in der Tiefe der Erde leuchtete: sein wahres Selbst. Nun weihte ihn der Hohepriester in die Bedeutung der Gegenstände in seinem Beutel ein: inneres Licht, solare Zeugungskraft und Hellsicht – etwas das allen Menschen gegeben ist.
Bis heute wird auch in der tibetischen Kalachakra-Initiation auf diese mystische Dreiheit hingewiesen, wo die inneren, die äußeren und die »anderen« Lebenszyklen erklärt werden. Die vier Tore der Shambhala-Burg im Kalachakra-Mandala sind Sinnbilder der vier Sonnenstationen, und deuten auf den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

In der mystischen Denkschule der alten Pythagoreer wurde die Sonne als höchste Gottheit verehrt. Ihre spirituellen Gesetzmäßigkeiten wurden durch das heilige Symbol der Tetraktys beschrieben, einer Art Weltformel, womit man sich die Entstehung des Kosmos, der Himmelskörper im Sonnensystem, der Töne, der Farben, und die Eigenschaften der menschlichen Seele erklärte. Dieses magische Symbol, verwies durch seine Form, auf die vier Stationen im Zyklus himmlischer und irdischer Körper.
Einer spirituellen Vierheit begegnen wir auch im Zusammenhang mit der Einführung des Monotheismus, der vor ca. 3.300 Jahren, durch den ägyptischen Echnaton (Pharao Amenhotep der IV.) als Sonnenscheibe Aton eingeführt, und etwa zur gleichen Zeit dem Propheten Moses am Sinai, als vierbuchstabiger Gottesname JHVH (hebr. יהוה: Jod, Heh, Vau, Heh) in einem brennenden Rosenbusch erschien. Den selben Gott verehren die Christen als Theos (griech. ΘΕΟΣ: Theta, Epsilon, Omicron, Sigma / bzw. lat. DEUS) und die Muslime als Allah (arab. الله: Alif, Lam, Lam, Heh), deren Namen ebenfalls aus vier Buchstaben gebildet werden.

Kabbalah Lebensbaum nach RoduragoDer Zusammenhang zwischen der Vier und der Sonne, ergibt sich aus der Sonnenbewegung selbst: sie geht zu Frühlingsanfang genau im Osten auf, strebt während der Sommersonnenwende zur Mittagszeit mit ihrem Zenit in Richtung Norden, geht zu Herbstanfang genau im Westen unter, und erreicht zur Wintersonnenwende ihre südlichste Neigung zu Mitternacht. Im Ebenbild zur Vierheit zeigt sich der gesamte Kosmos – wie im Großen, so im Kleinen – auch im Menschen: Man atmet ein, passiert den Moment, an dem die Lunge halb mit Luft gefüllt ist, dem Equilibrium, gelangt dann zur maximalen Ausdehnung des Brustkorbs und passiert erneut das Equilibrium, um schließlich vollständig ausgeatmet zu haben – dem Punkt der Stille – ein neuer Zyklus beginnt. Man werde sich dieses Equilibriums bewusst, denn darin liegen Einheit und Kraft.
Alle Lebensrhythmen, wie auch die periodischen Zyklen von Sonne, Mond und Erde, lassen sich also in einen größeren Zusammenhang stellen.

Vom jährlichen Sonnenzyklus lernen wir welche Handlungen wir vollziehen müssen, um unsere Lebensprojekte zu verwirklichen. Betrachten wir noch einmal das Gleichnis der Kornähre anhand eines praktischen Beispiels: Ein Bauer weiß, dass er die Getreidesamen im Winter aussäen, die kleinen grünen Triebe im Frühling pflegen und düngen muss. Er sollte Unkraut jäten, bis das Getreide im Sommer auswächst, und schließlich im Herbst, wenn das Getreide zur Reife gekommen ist ernten, und daraus wiederum die besten Samen für das kommende Jahr auslesen. In einen entsprechenden Zyklus lassen sich auch unsere Ideen, Projekte und Wünsche einbetten – bedacht und mit Geduld. Bevor man aber so verfährt, sollte man zunächst einmal fragen, was einen dazu motiviert: handelt es sich lediglich um eine Nachahmung von etwas, von dem irgendjemand meinte es sei wichtig, oder ist das was wir suchen, etwas das uns wirklich entspricht?

Die alten Menschen versuchten diese Frage durch die Deutung himmlischer Konstellationen zu beantworten. Der Geburtstag (Sonne) gab ihnen Auskunft über die Mentalität, der Geburtsmonat (Mond) über die Emotionalität und das Geburtsjahr (Erde) über die physische Konstitution eines Menschen. Die Pythagoreer brachten die Geburtszahlen darum in einen numerologischen Zusammenhang. Sie leiteten dieses Wissen von der Tetraktys ab, jenem heiligen Symbol mit den 10 Punkten – etwas also, dass mit dem Fortschreiten des Menschen in seiner Inkarnation zusammenhing – schließlich handelte der Mensch mit den 10 Fingern seiner Hände und schritt durchs Leben auf Füßen mit 10 Zehen.

Für die Israeliten waren die Zahlen Vier und 10 (1 + 2 + 3 + 4 = 10) Symbole für das Bündnis mit Gott: Er offenbarte sich dem Moses am Berg Sinai als vierbuchstabiger Name JHVH, und meißelte mit leuchtendem Blitz die 10 Gebote in zwei Tafeln. Der Name JHVH ist eine Formel, deren Buchstaben den Zahlen 10, 5, 6 und 5 entsprechen. Und da V (also ו) im Hebräischen »und« bedeutet, ergibt der Name die Gleichung:

5 »und« 5 = 10 – ein Gesetz dafür, wie man mit zwei Händen gemäß der 10 Gebote handelt.

Die Sonne und die Tetraktys - Selim Oezkan

 

Auf Grundlage dessen, entwickelten jüdische Philosophen im Mittelalter den kabbalistischen Baum des Lebens, der in vier schöpferische Welten unterteilt war, worin, jede die andere aus sich hervorbringend, »10 Früchte des Lebens« wuchsen:

  1. Die mentale Welt,
  2. die intellektuelle Welt,
  3. die emotionale Welt,
  4. und die physische Welt.

Durch ein heiliges Wort, strömen diese Welten aus dem Grenzenlosen: dem »Ayn Soph« – das Platon als »Reich der Ideen« bezeichnete – einer Welt in der alle geistigen, emotionalen und physischen Substanzen als homogenes Licht aufgelöst sind. Durch den Logos bricht daraus ein leuchtender Glanz hervor, der sich in 10 Stufen im Lebensreich zu Materie kristallisiert - gleich einem Samen, der einen Wunsch in sich konzentriert, beginnt er in der mentalen Welt zu keimen, wächst zu einer Frucht heran, reift, und kann endlich vom Lebensbaum der physischen Welt in Empfang genommen werden:

  1. Man hat eine Idee,
  2. konzentriert sich darauf,
  3. konzipiert ihre Verwirklichung,
  4. man unterstützt dieses Konzept,
  5. legt einen Rahmen fest, der zur Umsetzung erforderlich ist,
  6. ist auch bereit, dafür Opfer zu erbringen,
  7. verfolgt die Idee mit Enthusiasmus,
  8. stellt Regeln zur Verwirklichung der Idee auf,
  9. entwickelt ein Fundament für das Gute,
  10. um davon das manifestierte Ergebnis in Empfang zu nehmen.

Was bedeutet das für unser Leben? Um etwas zu erlangen, sollten wir nur daran denken, was wir wirklich wollen, und dabei versuchen unsere Gedanken so zu konzentrieren, dass wir bereits eine genaue Vorstellung von dem haben, was wir bekommen möchten. Doch können wir nichts erreichen, solange wir allein sind. Was nützt uns etwas, wenn wir es nicht mit anderen teilen können und nicht verstehen, welchen Nutzen unsere Idee für andere hat?

Nach Auffassung der Kabbalisten ist jeder verantwortlich und rechtschaffen handelnde Mensch, selbst wie Gott, und unentwegt dabei neue Welten zu erschaffen, worin andere Wesen ein gutes Leben haben können. Darum versuchten sie ihr Leben mit den kosmischen Gegebenheiten abzustimmen. Konjunktionen von Sonne, Mond und Erde, zu Vollmond, Neumond, oder bei Sonnen- und Mondfinsternis, waren darum von Bedeutung, da sie eine »Himmlische Hochzeit« andeuteten, womit eine Seele als Bindeglied zwischen Himmel und Erde inkarnierte, oder aber wieder entschwand.

In der Kosmogonie der griechischen Orphiker, entstanden Himmel und Erde aus dem Weltenei. Dabei entwich die Liebe, die seither als Dreiheit von Barmherzigkeit (Agape), Freundschaft (Philia) und Verlangen (Eros), alles umgebend bestrebt ist, die Einheit des Himmlisch-Göttlichen und des Mutterirdischen wieder herzustellen. Im Menschen wird dies z.B. im christlichen Abendmahl, mit der Kost von Wein (Geist) und Brot (Körper), durch die Herzensliebe zu seinem Nächsten, und in der Vereinigung von Mann und Frau, verwirklicht.

Als Vorbilder für den Weg des Liebe, seien hier die großen Sonnenadepten wie Zoroaster, Mithras, Dionysos, Herakles, Artus oder Parzival, als Helfer der Menschheit genannt.

Hinsichtlich Jesu Christi, finden wir die Sonnenthematik wieder im liturgischen Kirchenjahr: die Geburt Jesu feiert man zur Wintersonnenwende, an Ostern (dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang) seine Kreuzigung und Wiederauferstehung, die Taufe (Verchristlichung) zur Sommersonnenwende und das Erntedankfest mit der Herbsttagundnachtgleiche. Die Vierheit taucht also immer wieder auf, wenn wir dem Sonnengeheimnis begegnen. So wie bei den vier christlichen Evangelien, stoßen wir in allen Zeitaltern auf diese mystische Bedeutung: vier Veden im Hinduismus, vier Söhne des ägyptischen Sonnengottes Horus, vier heilige Wesen im Buch Ezekiel, oder die vier Kalifen des Propheten Mohammed.

Für alle göttlichen Sonnenavatare gilt, ganz gleich ob nun der islamische Prophet Mohammed, Jesus Christus, Moses, der Buddha oder Krishna: jeder von ihnen musste große »Prüfungen« bestehen, mit dem Ziel, durch seine erbrachten Opfer der Menschheit zu einem besseren Leben zu verhelfen. Alle wurden in die zerstörerischen, wie auch lebensspendenden Kräfte eingeweiht – jenen Gegensätzen, wie sie auch durch die Sonne verkörpert werden – ist sie doch Beides: Lebensspenderin und Zerstörerin.

Die Offenbarung dieser Geheimnisse, bildet eine Lehre für jeden Einzelnen von uns. Wir können daraus lernen, dass nur durch die Vereinigung der Licht- und Finsterniskräfte, die eigene als auch die gemeinsame Welt in ihre ursprüngliche Einheit zurückgeführt werden kann.

All unsere Vorbilder, vielleicht auch wir selbst, bleiben am Leben, da ein mühsamer Aufstieg vollzogen wurde, der jemanden aus dem Jammertal herausfinden lässt, um schließlich auf die Lichtungen des wahren Lebens zurückzukehren, womit einer nicht nur für sich, sondern gleichermaßen die Gegebenheiten für Natur und alle Menschen verbessern kann.

Diesen Weg gemeinsam zu gehen, das ist das »große Projekt« des Wassermann-Zeitalters, in einer Periode der Menschheit, wo das Geheimnis der heilenden Kraft des Grals offenbart, und die Menschen allmählich zu einem solaren Bewusstsein zurückkehren werden – dem, was jeden von uns erleuchtet und zum Licht der Welt macht.