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Sonne und Schlange

von Selim Oezkan

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Die Sonne ist die Kraft unseres Planetensystems, von der alles Leben auf unserer Erde abhängt – man könnte sagen, dass ihr Magnetismus, ihre Wärme und ihre Schwerkraft als geistige Seele des Kosmos, unseren Planeten durchwirkt. Alles geistig-himmlische assoziieren die Menschen seit ehedem mit der Sonne, während man der Schlange die Rolle der Erdkräfte, insbesondere der Kräfte der Unterwelt zuordnet – Sonne und Schlange, verhalten sich wie der Himmel zur Erde.
Den Finsterniskräften einer mythischen, sonnenvertilgenden Schlange, steht ein biologisches Reptil gegenüber, für das die Sonne geographisch zwar nicht erreichbar ist, es als Kaltblüter seine Körperwärme aber in erster Linie über das Licht der Sonne bezieht. So wie die mythologische Schlange alles licht- und sonnenhafte aufzehrt, so verschlingt die naturkundliche Schlange gierig ihre Beute, in einem Stück. Der Schlange ist das Begehren inhärent.

In den Sagen des klassischen Altertums taucht sie oft als Wesen auf, dass, so z.B. im alten Ägypten, gegen die lebenserhaltenden Kräfte der Sonne kämpft, und versucht, die Sonne selbst in ihr finster-kaltes Wesen aufzusaugen. Das sagenumwobene Schlangenwesen scheint zu Grunde zu richten, auszulöschen und alles einverleiben zu wollen, was lebendig ist. Es will alles sich selbst gleich machen, zuweilen sich sogar selbst verzehren, woran die Schwanzfresserschlange Ouroboros erinnert.
Da als Wesen der Erde, Drachen und Schlange mit allem Unterirdischen in Verbindung stehen, ist in der Geomantie auch die Rede von Drachenströmen die im Erdgrund verlaufen. Durch diese Strömungen, die durch die Einwirkung der Sonne im Erdgrund wirken, bildet sich Gold, das Alchemisten als geronnenes, kristallines Sonnenlicht auffassen. Möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb in verschiedenen Sagen und Märchen, ein Drache erst von einem Sonnenhelden getötet werden muss, bevor ein Goldschatz aus einer Höhle geborgen werden kann.

Wegen der Begründung im biblischen Sündenfall, hat die Schlange in den abrahamitischen Religionen eine eher negative Konnotation, während sie als solares Weisheitssymbol im Buddhismus, oder im Hinduismus, z.B. für die Schöpferkraft steht. So etwa Vishnu, jene sich als Sonnenavatar Krishna auf der Erde inkarnierende Gottheit. Er liegt auf einem aus 1000 Schlangen geformten Bett, und wird von König Shesha, dem Herrscher der Schlangengottheiten, im kosmischen Milch-Ozean gebadet. Auch der Gott Shiva wird in bildlichen Darstellungen stets mit einer Kobra um den Hals gezeigt.
Als Siddharta Gautama, eine andere Inkarnation Vishnus, am siebten Tag seiner Erleuchtung, unter einer Pappel in Meditation das Buddhatum erlangte, begann ein Monsunregen, eine Riesenkobra kroch an ihn heran, richtete sich auf, und erstreckte ihren siebenköpfigen Schlangenkörper schützend über ihn.
In China charakterisieren Reptilien, oft in Drachengestalt auf Bildern, Reliefs und Skulpturen dargestellt, den fruchtbringenden Regen des Frühlings, und werden deshalb gerne als Glückssymbole verwendet.

Im 12.000 Jahre alten Tempel von Göbekli Tepe in der Türkei, findet man Stützpfeiler auf denen überwiegend Schlangenfiguren abgebildet sind, was ein Hinweis darauf ist, dass seit bereits sehr alter Zeit Schlangenkulte existiert haben müssen. Auch im 5. Kapitel der Vishnu Puranas wird von großen Schlangengöttern berichtet, die auf der Insel Atala gelebt haben sollen. Ebenso wie das aztekische Atzlan ist Atala ein anderer Name für Atlantis. Sowohl im aztekischen, wie im indischen Mythos wird überliefert, dass einst Schlangengottheiten subterrane Paläste bewohnt haben sollen. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass die atlantische Weltzivilisation von einem Schlangenkult geprägt gewesen sein könnte.

Hierauf Bezug nehmend, möchte ich überleiten zu einem ursprünglich sumerischen Mythos. Der solare Schlangengott Enki, ein Gegenstück zum griechischen Prometheus, kam auf die Erde als Erschaffer und Lehrer der Menschen. Er gründete die Bruderschaft der Schlange, deren Mitglieder sich nach der atlantischen Katastrophe angeblich in zwei Gruppen getrennt hatten: In den Orden des roten Drachen, der seitdem die Geschicke der westlichen Zivilisation, aus der angeblich im Erdinnern befindlichen Stadt Agarthi, lenkt – während der Orden des gelben Drachen vom himmlischen Shambhala aus, über das Schicksal der östlichen Zivilisation waltet. Nach einem Mythos weihten die Priester des Roten Drachen von Agarthi durch Invokation ihre Initianden, in die Geheimnisse der Erde ein, das heißt, dass dabei Wesenheiten durch Anrufung eingeladen wurden. Die Priesterschaft des Gelben Drachen führte traditionsgemäß Evokationen aus, wobei die Anwesenheit von Wesen der geistigen Welt angeblich erzwungen wurde, um so die Mysten in die Erscheinungsformen der Sonne einzusegnen.
Doch all das sind Legenden und Mythen.

Vermutlich rührt der Mythos von der Gründung zweier Bruderschaften im Mittelalter her, der sich vielleicht in den letzten 500 Jahren verbreitet haben könnte.
Anfang des 15. Jhd. wurden fast zeitgleich zwei Bruderschaften in Europa und Asien gegründet: Die Bruderschaft des Drachen, einem katholischen Ritterorden der von Kaiser Sigismund im Jahre 1408 zur Verteidigung des Christentums gegen die eindringenden Osmanen ins Leben gerufen wurde. Sein Emblem war ein roter Drache. Ein Jahr später, im Jahre 1409 wurde in Tibet vom Manjushri-Eingeweihten Tsongkhapa in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden gegründet, aus dem die Gelug-Schule hervorging, der buddhistische Orden der gelben Drachenmützen.

Burderschaften des Gelben und Roten Drachen - Illustrated by Selim Oezkan

Vielleicht macht der Mythos des Schlangenordens folgendes deutlich: Die Religionen des Okzident glauben an eine innere, verborgene Kraft, die sich auf einen zentralen, einzigen Gott ausrichtet und in die das Konzept eines Weltendes integriert ist, wie etwa das jüngste Gericht der Christen oder die »Götterdämmerung« in der nordischen Mythologie. Die spirituelle Auffassung im Orient hingegen, geht von einer transzendenten Ewigkeit eines zeitlosen Buddha aus, dessen Weisheit, da ewig, wie es scheint nicht im selben Umfang geheim gehalten werden muss.
Darum werden religiöse Weisheitslehren im Westen, insbesondere im Christentum, Judentum und Islam, scheinbar aufgespart und nur gleichnishaft überliefert, während die Lehren östlicher Weisheitstraditionen meist eindeutiger erscheinen, und dem Vernehmen nach einfacher zu begreifen sind, als z.B. die Gleichnisse der Evangelien, die sich manchem auf den ersten Blick offenbar nichts sagend vorstellen. Östliche Weisheit, scheint näher am Leben und geerdeter zu sein, während die westliche Spiritualität auf den ersten Blick mit dem wirklichen Leben nicht all zuviel zu tun hat – so scheint es zumindest oberflächlich zu sein.

Die beiden oben vorgestellten Bruderschaften bildeten sich vermutlich, um in der alten Welt eine Polarität aufrecht zu erhalten, die auf dem Widerstreit von Licht- und Finsterniskräften gründet und bis ans Ende des Fischezeitalters vorherrschen solle – zwei Pole also, die als Dualität wiedergegeben werden, um möglicherweise den Zugang zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit zu verschleiern, dem nämlich, dass es eine dritte Kraft gibt, worauf die eigentliche Polarität zurückzuführen ist, die in der Mythologie des Okzidents in Mythen als die Gegensatzpaare Sonne und Mond, Michael und Luzifer, Mithras und der Stier, Theseus und Minotaurus, Zeus und Typhon, Apollon und Python, Osiris und Seth oder Adler und Schlange erschienen sind.
Auf jene dritte Kraft, weisen wohl die Einweihungen in die Mysterien hin, wie man sie z.B. im ägyptischen Memphis, im griechischen Samothrake oder in Eleusis feierte: Die Initianden wurden dem »Einen« geweiht, indem man ein vorübergehendes Auslösen der Seele aus dem Körper, durch eine Art Todeserfahrung erzielte. So wurde aus dem Initianden eine »kluge Schlange«, wie sie einst Jesus beschrieben hatte. Initiation ist also keine Wissenschaft die durch Sprache vermittelt werden kann, sondern eine Einsicht, in deren Besitz man nur durch unmittelbares Erleben kommt – eine Erfahrung die physiologisch über die Nervenimpulse im Rückenmark, in das Bewusstsein des Initianden eintritt und wie überliefert wurde als ein inneres, sonnenhaftes Licht wahrgenommen wird.
Hier gibt es eine interessante thematische Verbindung zur biologischen Schlange, da das verlängerte Rückenmark, eine evolutionsbedingt reptilienartige Körperstruktur ist. Die Gehirnbrücke, die vom Kleinhirn und Großhirn aufgenommen wird, bezeichnet man in der Anatomie auch als Reptilienhirn. Das eine Art Ur-Reptil, einen Teil unseres Körpers bildet, glauben auch die Jivaro, peruanische Ureinwohner des Amazonas. Einst sollen riesige, schwarze, flugsaurierartige Fischwesen aus dem Weltall gekommen sein, da sie sich vor etwas weit draußen in der Galaxie auf der Flucht befanden, und auf der Erde landeten, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Sie brachten angeblich das Leben auf der Erde hervor und waren die wahren Meister des Planeten und der Menschheit. Die Menschen seien nur die Diener und Behälter dieser Reptilienwesen.
Manche New-Age-Forscher und Ufologen vermuten, dass die mächtigsten Familien der Welt, durch reptiloide Wesen, die vom Orion-Sternbild stammen sollen, in ihren Entscheidungen beeinflusst und gelenkt werden, weil diese mit anderen außerirdischen Wesen, wie z.B. den Plejadiern, um die Vorherrschaft auf Planet Erde kämpfen. Solche Nachrichten erinnern sicherlich an Sciencefiction, doch lassen sich die Ursprünge solcher Geschichten wohl auf die uralten Mythen verschiedener Volksgruppen zurückzuführen, wie z.B. die der indigenen Tolteken, der Azteken und der Maya. Einst soll die Sonnengottheit Quetzalcoatl, die leuchtende Schwanzfederschlange auf die Erde als Schöpfergott und Lehrer der Menschen gekommen sein, von der geglaubt wird, dass sie wiederkehren werde, um über das Weltreich der Erde zu walten. Ein ähnliches Wesen existiert auch in zentralasiatischen Mythen wo es als Simourgh-Vogel bekannt ist. Im alten Ägypten war es der Vogel Benu, der vermutlich auch etymologisch mit dem rotgoldenen Feuervogel Phönix identifiziert werden kann, der laut eines anderen Mythos als Stammvater der Phönizier angesehen wird, jenem Volk dem wir unsere Schrift zu verdanken haben.


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Sphinx - Illustrated by Selim Oezkan