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Das Mythische Avalon

von Selim Oezkan


Bei ihnen sieht man keine Tempel und kein Heiligtum; nicht einmal eine mit Schilf gedeckte Hütte kann man bei ihnen irgendwo erblicken; vielmehr wird ein entblößtes Schwert in den Boden gestoßen, und durch dieses verehren sie sehr gläubig den Kriegsgott und Beschützer der Gebiete, die sie bewohnen

– Ammianus Marcellinus über die Alanen



Excalibur - Illustrated by Selim Oezkan

 

Die Form der Erdkruste hat sich im Laufe ihrer 4 Milliarden Jahre alten Geschichte mehrfach verändert. Durch die tektonische Aktivität im Erdinnern versanken Kontinente, riesige Landmassen verschoben sich, kollidierten, und es bildeten sich wieder neue Kontinente. Aufgrund solarer und lunarer Einflüsse, wechselten sich auf der Erde Eiszeiten und Warmzeiten ab, und verursachten über sehr lange Zeiträume ein kontinuierliches Steigen und Sinken des Meeresspiegels. Damit wurde auf Mutter Erde die Grundlage für die Verbreitung von Leben geschaffen. Und da Menschen schon seit mindestens 7 Millionen Jahren auf diesem Planten wandeln, bestimmten innerhalb der vielen Erdzeitalter, diese geologischen Vorgänge auch die Lebensumstände und damit die Kulturentwicklung der Menschheit.

Blicken wir auf die vergangenen 26.000 Jahre zurück, so hat sich in dieser Zeitspanne der Mensch, im Vergleich zu heute, körperlich eigentlich nicht verändert – doch seine geistige Haltung und die Art wie er wahrnimmt und mit anderen Menschen kommuniziert, haben sich verändert. Heute verfolgt der Mensch durch seine projektive Wahrnehmung, überwiegend die eigenen Wünsche in anderen Menschen. Damals besaßen die Menschen jedoch noch eine gewisse Hellsichtigkeit und die Fähigkeit der Gedankenübertragung – eine ausgesprochen rezeptive Art der Wahrnehmung also. Die alten Menschen hatten ein ausgeprägtes Gedächtnis, das nicht so sehr durch logische Strukturen und Muster beansprucht wurde, wie unser heutiges Denken. Ereignisse wurden eher in Bildern wahrgenommen und eingeordnet, als durch logisch-sprachliche Konstrukte verstanden. Die alten Menschen benutzen deshalb mehr ihre rechte Gehirnhälfte, die bei der intuitiv-emotionalen Wahrnehmung aktiv wird. Es war vermutlich die Entwicklung der Sprache, der der allmähliche Rückgang dieses natürlichen Talents zuzuschreiben ist.
Nur die eingeweihten Priester, Druiden und Schamanen erhielten sich durch ihre Mysterienkulte diese uralten Fähigkeiten bis zum heutigen Tage. Von diesem alten Wissen wurde eigentlich so gut wie nichts schriftlich festgehalten, denn die Lehren wurden ausschließlich mündlich überliefert. Auch die Legenden und Mythen die uns bis heute erhalten geblieben sind, entwickelten sich aus einer mündlichen Tradition. Durch die Vitalität und Einfachheit gesprochener Sprache, konnten sich die Legenden der alten Zeit durch all die Menschheitszeitalter hindurch bewegen, und konzentrierten durch die in ihnen vermittelte Emotionalität und individuellen Sichtweisen der Erzähler, einen besonderen Weisheits- und Symbolgehalt.
Dem gegenüber finden wir oft auch ergänzende, wissenschaftliche Fakten. Zwar sind die Informationen die uns die wissenschaftliche Altertumskunde liefert oft nur begrenzt, es hat sich aber eben bewahrheitet, das sich die Gestalt der Kontinente, ihre Größe, Form und Verteilung im Verlauf der Erdgeschichte immer wieder verändert hat.

Die Erdmassen und Kontinentalplatten auf unserem Planeten haben sich im Laufe von Jahrmillionen über tausende Kilometer über den Globus hinweg bewegt. Einst – vor ungefähr 500 Millionen Jahren – befand sich der Urkontinent »Gondwania« auf der südlichen Erdhemisphäre. Zu dieser Zeit brach eine riesige Insel aus dem nördlichen Rand dieses Kontinents aus, und driftete allmählich weiter nach Norden ab. In der Kreidezeit bildete sich daraus eine Landmasse, die Geologen heute bekannt ist als der prähistorische Mikrokontinent »Avalonia«. Es handelte sich hierbei um eine geologische Schicht, die heute den Meeresgrund des Atlantischen Ozeans durchläuft, und das Fundament von Norddeutschland, Mittelengland, Wales, das südöstliche Irland und weite Teile Nordamerikas, darunter Neufundland, Neuengland, Rhode Island und den Norden Floridas bildet.

Sowohl in Europa als auch in Amerika finden wir Legenden von einem Land, das einst in der Zeitspanne zwischen dem Ende der letzten Eiszeit und der Jungsteinzeit im Meer versunken sein soll. Hierbei handelte es sich um ein im Atlantik vermutetes Inselreich, das angeblich von einer sehr alten, jedoch aber hochentwickelten Zivilisation, über einen sehr langen Zeitraum hinweg bewohnt wurde. Nach dem durch eine Sintflut vor ca. 12.000 Jahren die Überbleibsel des einst riesigen Inselreichs im Meer versanken, kamen fast all ihre Bewohner ums Leben. Nur wenige Menschen überlebten diese Katastrophe und begannen danach, in steinzeitlichen Verhältnissen, wieder von neuem damit, eine Zivilisation aufzubauen, von deren Nachkommen laut Überlieferung, alle Völker der heutigen Welt abstammen sollen.
Trotz dass es hierfür keine wissenschaftlich fundierte Theorie gibt, durch die sich dies beweisen lässt, hat sich in den Erzählungen verschiedener Völker ein mündlich überliefertes Wissen bewahrt, wie man es in Amerika, Europa, Afrika und Westasien findet. Viele unabhängige Quellen berichten seit jeher, von einem versunkenen Kontinent, auf dem für viele tausend Jahre eine Hochblüte menschlichen Schaffens bestand und bereits lange vor unserer Zeit, die Menschen dort über höchste technologische Entwicklungen verfügten. Lediglich der Name, der in den verschiedenen Überlieferungen für diesen Kontinent verwendet wird unterscheidet sich – doch das mythische Land von dem hier die Rede ist, ist immer das selbe: Atlantis.
Eine der Legenden berichtet davon, dass die Bewohner von Atlantis über eine präzise Kristall-Technologie verfügten. Es wurde ihnen die Fähigkeit zugesprochen, dass sie Wissen in Kristallen zu speichern vermochten. Solch eine Art »Speicherfunktion« wird ja zum Beispiel auch den magischen Kristallschädeln aus Copán nachgesagt. Auch sollen die Atlanter bereits damals dazu in der Lage gewesen sein, durch riesige Kristalle Lichtenergie zu bündeln, um diese zur Energieversorgung, oder gar zum Antrieb von präastronautischen Fluggeräten zu benutzen. Auf einer berühmten Grabplatte, die man 1952 in der mexikanischen Mayastadt Palenque gefunden hat, scheint solch ein Himmelsgefährt abgebildet zu sein.
Spuren von Atlantis tauchen auch auf dem toltekischen Tempel des Quetzalcóatl, in der Nähe von Mexiko-City auf: dort stehen vier mächtige Steinfiguren, welche die »Atlanter von Tula« genannt werden. Historisch bringt man sie mit den Kriegern von Atlantis in Verbindung, welche laut Platon, einst den äußersten Kreis des mythischen Inselreichs bewohnten. Ob es zwischen dem Ort »Tula« und dem mythischen Königreich von »Thule« eine Verbindung gibt, sei einmal dahingestellt.
Verblüffender Weise, soll zu den westlichen Ausläufern der Atlantis aber auch die deutsche Insel Helgoland gehören, da man dort unter der Meeresoberfläche Mauerreste der von Platon beschriebenen atlantischen Königsburg gefunden hat. Die atlantische Kultur hatte also wahrscheinlich einen riesigen Wirkungsradius, der eher einer weltweiten Zivilisation gleichkam, als dem eines kleinen Inselvolkes. Auch die Tatsache das indigene Völker, wie zum Beispiel die nordamerikanischen Hopi, in ihren Überlieferungen von diesem legendären Inselreich berichten, werfen die Frage auf, was die Menschen bis heute dazu bewegt, diesem sagenhaften Land so viele Mythen beizudichten, und wieso es nach wie vor so eifrige Bestregungen gibt, die Lokalisation der Atlantis endlich eindeutig festlegen zu wollen.
Vieles deutet darauf hin, dass sich die mythische Insel Atlantis westlich des heutigen europäischen Kontinents befand. Platon nannte sie atlantis nesos – die »Insel des Atlas«, denn in der altgriechischen Religion galt der titanische Gott Atlas, als Träger des Himmelsgewölbes im Westen. Seine Töchter, die Hesperiden, hüteten einen von einer großen Schlange bewachten Garten. Darin stand ein Wunderbaum an dem goldene Äpfel wuchsen. Wer diese Äpfel aß, erhielt ewige Jugend. Und so heißt es, dass den olympischen Göttern von dorther ihre Unsterblichkeit verliehen wurde.

Die Symbolik von Garten, Schlange und Apfel taucht in verschiedenen Mythen der Menschheit immer wieder auf, da durch sie ein grundlegendes Geheimwissen wiedergegeben wird, dass sich um das Mysterium von Leben, Heilung, Tod und Weisheit dreht.
Als Frucht der Weisheit und des Todes, wächst der Apfel im Garten Eden am Baum der Erkenntnis, um dessen Äste sich eine verführerische Schlange windet, und dazu überredet von ihm zu kosten. Hingegen ist der Apfel, wie er im Garten der Hersperiden wächst, ein Symbol von Leben und Heilung, wobei hier eine Schlange die Äpfel bewacht, die jeden daran hindert von ihm zu kosten – es sei denn er ist göttlicher Abstammung. Der Schlange als Symbol von Weisheit und Heilung, begegnen wir auch im Buch Numeri, dem vierten Buch Mose, im Johannes-Evangelium, sowie in der apollonischen Sage. Als Heilmittel begegnet uns jener geheimnisvolle Apfelbaum auch in der keltischen Mythologie. Aus dem keltisch-kymrischen Wort für Apfel, aball, leitet sich nämlich der Titel für einen anderen sagenumwobenen Ort ab: Avalon – die »Insel der Äpfel«.

Ließe sich hieraus möglicherweise ein geographischer Zusammenhang zwischen Atlantis und Avalon herleiten? Zumindest scheint eine mythologische Verbindung zu bestehen, die vermuten lässt, dass die Insel Avalon, möglicherweise ein Teil des einstigen atlantischen Kontinents gewesen sein könnte. Geht man davon aus, dass mit Avalon gleichzeitig die Region Südenglands bezeichnet wird, ist hier auch noch anzuführen, dass der zuvor erwähnte Mikrokontinent Avalonia in einem Zeitraum von ca. 100 Millionen Jahren mit der baltischen Platte aufeinanderprallte, woraus das heute bestehende geologische Fundament Südirlands, Südenglands und Norddeutschlands gebildet wird.
Es gibt aber auch einen geomantischen Zusammenhang: Wenn wir den Steinkreis von Avebury (in Südengland, in der Nähe von Stonehenge) auf der Landkarte durch eine Linie mit dem Turm auf dem Glastonbury Tor Hügel verbinden, und diese Linie in Richtung Südostengland weiterziehen, schneidet sie genau den St. Michael's Mount in Cornwall – man nennt diese Linie den »Drachenpfad«. Führen wir die Linie fort und überqueren den Atlantik, dann schneidet die selbe Linie verblüffender Weise genau die Tempelanlage der Maya-Stadt Copán – jener alten Stätte, in der man viele Symbole fand, die auf eine atlantische Vorzeit hinweisen!

Laut mythischer Überlieferung ist Avalon ein von Nebeln umgebener paradiesischer Ort, der von neun Zauberinnen bewohnt wird, die die hohe Kunst der Heilkunde beherrschen. Die Legende von Avalon ist vor allem bekannt durch die keltischen Sagen um den Druiden Merlin, die Zauberin Morgan le Fay und die Ritter der Tafelrunde des König Arthus.
Einiges deutet darauf hin, dass es sich bei der Insel Avalon um den geschichtsträchtigen südenglischen Ort Glastonbury handelt, da sich dieser zum einen auf der oben beschriebenen geomantischen Ley-Linie befindet, und darüber hinaus markante historische Merkmale für solch eine Annahme liefert: Bereits 200 v. Chr. besiedelten die sagenhaften »Lake Village People« diesen von Salzwassersümpfen umgebenen Ort, hier soll Joseph von Arimathäa (ein Jünger Christi) den Eucharistie-Kelch verborgen und bereits im Jahre 63 die erste christliche Kirche in Europa errichtet haben, König Arthus soll in der Abtei zu Glastonbury mit seiner Gattin Guinevere beigesetzt worden sein, und südlich von Glastonbury befindet sich eine Festung aus dem Ende der Eisenzeit, von der man behauptet, es sei der königliche Hof Camelot. Wegen dieser und etlicher anderer Sagen die sich um diesen südenglischen Ort drehen, erhebt Glastonbury den Anspruch, selbst das mythische Avalon zu sein.

Vieles deutet auch darauf hin, das Glastonbury noch vor etwa 1.200 Jahren von großen Seen umgeben war und dieser hügelige Ort eine Insel bildete. Auch heutzutage kann sich Glastonbury bei lange anhaltendem Regen in eine Art Insel verwandeln, denn dann bilden sich aus den umgebenden Mooren und Sumpflandschaften große Seen, die den Ort umschließen. Durch die geographische Lage, knapp unterhalb des Meeresspiegels, eingebettet in die umgebende Hügellandschaft der Grafschaft Somerset, liegt es Nahe, dass die in der avalonischen Sage erwähnten Nebel, wie sie bis zum heutigen Tage immer wieder auftreten, einst diesen geheimnisvollen und geschichtsträchtigen Ort umschleierten.

Doch trotz all dieser Annahmen kann die endgültige Lokalisierung der Insel Avalon nicht eindeutig zugeordnet werden. Dieser mythische Ort ist anscheinend unserem heutigen Blick entschwunden, und wir können uns seine irdische Existenz aus den hier geschilderten Schemen mythologischer, geschichtlicher und geographischer Informationen lediglich zusammenreimen. Das ist bestimmt einer der Gründe, wieso Avalon oft auch als ein Ort beschrieben wird, der jenseits der stofflichen Welt existiert, und sich auf der astralen Weltebene befindet – eine Art Lichtland, wo sich die Seelen frei von Stofflichkeit bewegen können, und nicht den Täuschungen der Materie anheimfallen. Ähnlich dem mystischen Königreich Shambhala, wie es in den tibetischen Legenden erwähnt wird, ist Avalon nicht unbedingt nur ein physischer Ort auf der Erde, sondern auch ein Konzept spiritueller Vollkommenheit, dass sich jedoch auf der Erde an bestimmten Orten manifestieren kann, so wie eben in Glastonbury. Vermutlich wird durch die im geheimen wirkende Weiße Bruderschaft die Manifestation solcher heiliger Weltzentren immer wieder an anderen Orten auf der Erde erscheinen, damit dort die Thematik des jeweiligen Zeitalters beschlossen werden kann. So taucht in der Mitte des »Fischezeitalters« im Umfeld der Arthussage die Legende der Gralsburg Montsalvatsch auf, auf der der leidende Fischerkönig Amfortas, auf seine Genesung wartet, die durch einen Heilsbringer, erfolgen sollte, welcher kein geringerer war als der narrenhafte Held Parzival.

In der avalonischen Sage tauchen an verschiedenen Stellen bestimmte heilige Gegenstände auf, die von geheimnisvollen Priesterinnen einem Helden übergeben werden, um ihm die Kraft zu verleihen, die Menschheit von Armut, Hunger, Krankheit und Ignoranz zu heilen. Diese vier magischen Schätze treten in Erscheinung als ein sprechender Teller oder Stein, ein magischer Kelch, oft auch in Zusammenhang mit dem heiligen Gral erwähnt, ein Speer der Unbesiegbarkeit, welcher im christlichen Mythos der heiligen Lanze des Longinus entspricht, und ein magisches Schwert mit dem Namen »Excalibur«. Dieses magische, Runen tragende Schwert wurde König Arthus von Elaine, der Hüterin von Avalon und Herrin eines verborgenen Sees, übergeben. Mit diesem Schwert wurde ihm die Macht verliehen das einst verloren gegangene Königreich wiederherzustellen. Denn nach dem Abzug der Römer im 5. Jahrhundert, wurde Britannien mit dem Eindringen verschiedener Horden umherstreifender Raubritter, gebrandschatzt und verwüstet. Arthus war der von Merlin auserwählte König, der die Ordnung in England wiederherstellen sollte, um dadurch das Land zu heilen. Nach Arthus' letzter Schlacht, wurde Excalibur wieder dem verborgenen See übergeben, auf dessen Grund es vermutlich bis auf den heutigen Tag darauf wartet, wieder gefunden zu werden.
Der Sage nach, wurde Arthus in jener Schlacht, schwer verwundet und daraufhin auf einer geheimnisvollen Barke auf die Insel Avalon entrückt, wo er von seiner Halbschwester Morgan le Fay geheilt wurde.

Von dort soll König Arthus eines Tages zurückkehren, um die Menschheit am »Ende der Tage«, aus den Zwängen ihrer projektiven Wahrnehmung, und den sich daraus entwickelten inneren und äußeren Feinden zu befreien – jenen Gegnern des Menschen, durch die viel Unheil über die Erde kam. Von Avalon aus, sollen dann die Seelen ins Licht geführt, die Wüstenei beendet, und so Mutter Erde befriedet und die Menschheit von ihrem Leid endlich befreit werden.