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Die Geschichte aus dem Paradies

Eine mosaisch-apokryphe Nacherzählung von Selim Oezkan

 

Es sprach Gott: Es werde Licht - und werde Licht. Das Sprechen kann nur an andere gerichtet sein. Und zwar ergeht das erste werde an die diesseitige, und das zweite an die künftige Welt.

– Aus dem Sohar

 

Im Anfang schuf Gott durch den Logos die Welt. Er trennte Himmel und Erde und das Licht von der Dunkelheit. Er schuf die Sonne, den Mond und den Tierkreis und setzte sie als Lichter an den Himmel, damit alles irdische dem siderischen Umlauf der Gestirne folgen möge. Jetzt schuf er alle Engel und alle lebendigen Wesen, die im Feuer, in der Luft, im Wasser und auf der Erde geboren werden.

Und noch vor dem Menschen schuf er Lichtwesen aus rauchlosen Feuerflammen und erst danach bereitete er dem Menschen einen Paradiesgarten in dieser geschaffenen Welt, über welchem die Wesen des Feuers schwebten um Gott und den Menschen zu dienen. Diese Welt trennte das himmlische vom irdischen Paradies und die Tore zum Himmel wurden durch den Lichtfürsten bewacht. Darunter befand sich der Garten Eden in welchem der Mensch sein Zuhause haben sollte.

Der irdische Paradiesgarten wurde durch vier Flüsse bewässert: Pischon war der Fluss der das Land des Goldes umringte, Gihon, der das ganze Land Kusch umfloss, Tigris war der im Osten gelegene dritte Fluss, welcher Aschur umfloss. Der vierte Strom hieß Euphrat. Und inmitten dieses paradiesischen Gartens, wuchsen zwei Bäume.

Beide Bäume wurzelten im Acker des Paradieses und waren alleine dem Menschen bestimmt. Die Früchte vom Baum des Lebens enthielten das Elixier des ewigen Jungbrunnens. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse war den Menschen aber verboten, weil der Genuss seiner Frucht den Tod bringen sollte. Aßen die Menschen aber nur vom Baum des Lebens, so blieben sie unsterblich.

Also formte Gott in seinem Abbild Mann und Frau aus Erde, Wasser und Luft, denen er den Lebensgeist einhauchte, gleich dem aus dem Körper kommenden Windhauch, so man beim ausrufen des Amen vernimmt. Er formte den Mann und die Frau aus Lehm und machte sie lebendig. Daraufhin rief er alle Engel zu sich, auch den Torwächter des Paradieses, den er zu dieser Zeit noch von allen Feuerwesen am liebsten hatte, und darum einer der Erzengel war.

Und Gott ließ das Menschenpaar in den oberen Garten Eden emporsteigen und sprach zu den Engeln: “Seht was ich geschaffen habe: Menschen in meinem Abbild. Werft euch nieder vor ihnen und betet sie an”. Alle Erzengel und Engel warfen sich vor Adam und Lilith nieder außer dem Lichtfürsten, welcher eine große Aufruhr machte und sprach: “Sie hast Du nur aus Lehm geschaffen, mich aber aus Feuer. Ich bin ein höheres Wesen als sie und mich gab es lange Zeit vor ihnen”. Weil er aber Gott widersprach, verbannte er ihn aus dem himmlischen Paradies. Er wurde vom heiligen Erzengel Michael in den finsteren Teil unterhalb des irdischen Paradieses gestürzt. Und so wurde er vom fürstlichen Thron des Lichtkönigs gestoßen, wurde zum Lichtbringer und zum Fürsten der Finsternis degradiert, dem Teufel auf Erden.

Aber auch Lilith war eifersüchtig auf Adam, denn sie war von gleicher Kraft und Schönheit, fühlte sich von Gott aber weniger geliebt. Sie war von hohem Geist und besaß große Klugheit, mit der sie den geheimen Namen Gottes entdeckte, den erst Jahrtausende später dem Moses am Sinai in einem brennenden Rosenbusch offenbart werden sollte - denn im Geheimnis dieses Namens lagen die Schlüssel, mit der sich die Türen zu aller Weisheit öffnen ließen. Damit war sie gegen die Einflüsterungen des Teufels gefeit, wurde selbst zur Schöpferin und fühlte Sie sich Gott ebenbürtig. Weil Sie sich Adam nicht untergeben wollte, verbannte sie Gott in die Wüste, wo sie dann unter den Wesen des Feuers als Nachtwind lebte.

Als all das geschehen war, brachte Gott den Adam wieder hinab in den unteren Garten Eden. Er sah aber, dass Adam alleine und traurig war. Also ließ er den Adam in einen tiefen Schlaf fallen, nahm eine seiner Rippen und verschloss seine geöffnete linke Brustseite mit Fleisch. Aus der Rippe baute Gott seine Frau und nannte sie Eva. Da sie aber von seinem Körper genommen, ein Teil von Adam wurde und schwächer war als er, trug der Mann auch ihre Bürde.

Aber in dieser Zeit schämten sich Adam und Eva nicht voreinander, denn sie erkannten ihr Geschlecht noch nicht. Der Teufel aber war eifersüchtig auf Adam und Eva und beneidete sie wegen ihrer Vollkommenheit und wollte ihnen schaden.

So drang er in die Schlange ein und lehrte ihr das Sprechen. Das geschah wie wenn einer, der einem Vogel die Sprache lehrt, einen großen Spiegel zwischen ihn und sich selbst stellt, und anfängt mit ihm zu reden.

So bringt er den Vogel, sobald er diese Stimme hört, dazu sich zu ihm umzuwenden, wo er dann im Spiegel seine eigene Gestalt sieht und darüber sehr in Freude gerät, denn er glaubt im Spiegelbild einen Gefährten gefunden zu haben. Und so neigte die Schlange in Ruhe ihr Ohr und hörte die Worte dessen, der auf diese Weise mit ihr redete, horchte auf und lernte sprechen. So brachte der Teufel die Schlange zur Sprache, wohnte in ihr und kroch hinauf zum Wipfel des verbotenen Baumes.

Der Teufel beobachtete die Eva und wartete auf den richtigen Zeitpunkt, bis sie allein war und rief sie dann durch die Schlange mit einer süßlich, flüsternden Stimme bei ihrem Namen, so dass sie zu dem verbotenen Baum kam.

Adam und Eva - Illustrated by Selim Oezkan

Und als die Schlange zu ihr sprach, da wandte sie sich um und sah in der Schlange, ihr eigenes Bild, so wie sich einst die Schlange an ihrem Spiegelbild erfreute. Die Schlange sprach zu Eva: “Hat euch Gott gesagt, ihr sollt nicht essen von dem einen der beiden Bäume mitten im Garten?”, sie antwortete, das Gott gesagt hatte die Früchte des einen Baumes weder zu berühren noch davon zu essen, denn sonst sollten sie beide sterben und in ihr erstes Kind würde der mordende Tod fahren.

Da sprach die Schlange zur Frau: “Gott weiß, sobald ihr von der Frucht der Gebotsübertretung esst, werden euch eure Augen aufgetan, dann werdet ihr sehen und selbst sein wie Gott und wissen, was gut und was böse ist”. Eva gefiel was sie gehört hatte, denn der Baum machte klug und war ein Augenschmaus, durch den sie von der verbotenen Frucht zu kosten trachtete. Und sie aß und ihr wurden die Augen aufgetan und sie erkannte ihr Geschlecht, wofür sie sich schämte und sich darum mit dem Apfel unter dem anderen Baum verbarg. Sie rief Adam, der zu ihr kam, dass er auch von der Frucht esse. Und als er davon aß, da erkannte auch er sein Geschlecht und das seiner Frau. Und nachdem sie sich geliebt hatten, da versteckten sich beide und bedeckten ihre Geschlechter mit einem Feigenblatt, denn sie schämten sich vor Gott für was sie taten.

Gott suchte nach ihnen rufend “Wo seid ihr?”. Und Adam antwortete: “wir fürchteten uns vor dir, denn wir sind nackt”. Damit zeigte sich was geschah, denn sie hatten von dem verbotenen Baum gegessen und erkannten einander. Adam beschuldigte die Eva ihn überredet zu haben und die Eva beschuldigte die Schlange. Und Gott verfluchte die Schlange für ihre Tat, schloss die Füße in ihren Bauch ein und zwang sie den Staub der Erde zu fressen. Sie war von nun an der Feind der Frau und solange die Schlange an den Boden gebunden war, waren die Nachkommen der Schlange, die Feinde der Nachkommen des Menschen.

Und weil sie sich für ihre Nacktheit schämten machte Gott ihnen königliche Seidengewänder aus der zarten Rinde des Lebensbaumes. Diese Kleider bildeten einen Schutz für den Körper des Schmerzes.

Nun aber da sie Gott eingekleidet hatte, Adam und Eva aber ihre Unsterblichkeit durch die Nahrung vom Baum des Lebens entzogen werden musste, sollten sie nicht weiter im Paradies leben, denn sonst hätte der Teufel in seiner Eifersucht das Paradies durch die Menschen zerstören können.

Also wies Gott den Menschen aus dem Garten Eden, damit Adam die Ackererde bebaue, aus der ihn Gott einst geschaffen hatte, womit sein Leben auf der Erde eine Frist bekam. Und so wie einst der Lichtfürst aus dem Himmelsparadies verstoßen wurde und hinabgefallen war ins Erdreich, so trieb der Erzengel Michael die Menschen in ein Lager, welches sich etwas unterhalb des Gartens befand. Die Pforte zum irdischen Paradies, die den Weg zum Baum des Lebens verschloss, ließ er durch den heiligen Erzengel Gabriel mit dem flammenden Schwert bewachen.

Nachdem sie in Trauer aus dem irdischen Paradies gingen, sprach Gott zu Adam:
“Gräme dich nicht, denn nach der Erfüllung eurer Lebenszeit auf Erden und derer eurer Nachkommen, werde ich ein Kind senden und es wird durch den heiligen Geist auf die Erde herabkommen und von einer Jungfrau namens Mariam geboren werden. Durch ihren Sohn wird deine Erlösung und Rückkehr vollbracht sein, denn er wird sterben für eure Sünden am Kreuz. Dort auf der Schädelstätte, werden die Söhne Deiner Nachkommen, nämlich Sem, der Sohn des Noah und Melchisedek der König von Salem, deinen Leichnam begraben, dort wo Dein Nachkomme Abraham das Lamm statt seines Sohnes Isaak opfern wird, dort wo man dann am Abend des ersten Frühlingsmondes das Pessachfest des Lammes begehen wird, dort in der Stadt des heiligen Sterns, wo die Menschen das Licht der Welt erblicken werden.”